Bericht
Blick in die Kindheit

von Jana Böker, Jahrgang 1993, am 15.02.2010
In alten Kisten graben, vergilbte Fotos entdecken. Aus seiner Kindheit. Skurrile, noch nie gesehene Aufnahmen des vierten Geburtstags mit Hütchen auf dem Kopf in den Händen zu halten, seine Eltern mit albernen Frisuren und Garderobe zu sehen, das sind besondere Augenblicke. Und bewegende.,,Das soll ich sein?“, fragt man sich dann und lacht über die amüsanten Grimassen die mit einem Klick der Kamera für die Ewigkeit festgehalten wurden. Doch ist es ein seltsames Phänomen, dass man sich an seine ersten Weihnachtsfeste, Stürze und Anbandelungen mit dem Mädchen von Nebenan nicht mehr im Geringsten erinnert. Jetzt betrachtet man sich auf den Bildern als kleines, niedliches Wesen, das immer so frech in die Linse gegrinst hat und kann sich nicht mehr in diese Person hineinversetzen.
Ein wenig betrübt werden manche Menschen, wenn sie bewegende Situationen auf Fotos entdecken und sich wünschen, diese noch einmal zu erleben, weil es ihnen so vorkommt, als wären sie selber gar nicht dabei gewesen. Dabei waren sie vielleicht die Hauptperson in diesem Szenario. Die ausgelassene Freiheit und Sorglosigkeit der Kindheit, die so hoch gepriesen wird, haben viele Menschen nie bewusst erlebt.
Doch es gibt Dinge, die prägen das Verhalten eines Menschen jahrelang. So ist es mir passiert. Als ich mit drei Jahren meine Patentante mit meiner Familie auf Westerland besuchte, entschlossen sich ein paar von uns, einen Spaziergang zu machen. Ich war gut vorbereitet für das Sandburgenbauen mit Eimerchen und Schüppe in beiden Händen. So hatte ich fatalerweise keine mehr frei, um mich an meine Mutter zu klammern. Und so trieb ich langsam ab. Fasziniert von den vielen Läden, Farben und Geräuschen. Nach rechts, in die Einkaufsstraße. Und plötzlich stand ich da. Alleine. Und fing an zu weinen. Wie sollte man als 3 jähriges Kind auch anders reagieren? Zum Glück las mich eine sehr nette blonde Frau mit schwarzem Top auf, nahm mich auf den Arm und tröstete mich, so gut es ging. Ich wurde schließlich nach einer ganzen Weile wiedergefunden, doch dieses Erlebnis trage ich immer noch mit mir herum. Jahrelang musste ich meine Eltern an den Händen halten, sobald wir in der Stadt unterwegs waren. Ich bekam Panik, wenn ich Mama oder Papa aus den Augen verlor. Ich habe den Moment noch genau vor Augen, als meine Schwester an jener Kreuzung stand und erleichtert auf mich zulief. Und es ist schön, so eine Erinnerung ganz lebendig mit mir herumzutragen. Auch wenn es eine – für mich – traurige ist. Aber sie gibt mir heute, als Jugendliche, einen kleinen Einblick in meine Kindheit. In eine Zeit, die ich sonst nur mittels Fotos nachvollziehen kann.
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