Reportage
Lehrer auf der Schulbank
von Sandra Hermann, Jahrgang 1993, am 23.02.2010
Es ist wie ein Feuerwerk aus Farbe. Zitronengelbe, kiwigrüne und himmelblaue Farben leuchten einem beim Betreten des Raumes entgegen, es herrscht eine Geräuschkulisse wie in einem Klassenzimmer. Immer mehr Leute betreten den Raum, suchen sich einen Platz und fangen an, ihre blau-gelben Langescheidt-Taschen, die noch ordentlich auf den Stühlen platziert sind, nach Give-Aways zu durchwühlen. Wie kleine Kinder unter dem Weihnachtsbaum ziehen sie ebenso blau-gelbe Kugelschreiber und Bleistifte mit dem Langenscheidt-Logo hervor und begeistert blättern sie eine lila Informationsmappe durch, auf der in bunten Lettern „Kinder laufen für Kinder“ geschrieben steht.
Dies ist das Motto und der Anlass für die Veranstaltung am 8. Februar 2010. Außerdem handelt es sich bei den Gästen nicht um eine Meute von aufgeregten Schülern, sondern um ungefähr 80 Lehrer, die die Informationsveranstaltung für das „Kinder laufen für Kinder“ – Projekt besuchen wollen. Der Langenscheidt- Verlag erklärte sich als einer der Hautsponsoren bereit, der Gastgeber zu sein. Ziel der Veranstaltung ist es, Lehrer über das Projekt zu informieren und anzuwerben, sodass auch sie mit ihren Schulen daran teilnehmen.
Nachdem alle erfolgreich einen Platz gefunden haben und die Inhalte ihrer Give-Away-Taschen überprüft haben, eröffnet Frau Palme vom Langenscheidt-Verlag die Veranstaltung mit sehr persönlichen Worten. Sie erinnert an die Opfer des Erdbebens auf Haiti und verdeutlicht, dass gerade Kinder schwer mit ihrem Schicksal zu kämpfen haben. "Meine erste Reaktion war es, zu spenden", sagt Frau Palme und spricht dabei anscheinend aus der Seele ihrer Zuhörer. Genau um solche verwaisten Kinder aus Haiti kümmert sich auch die SOS-Kinderdörfer-Organisation. Dorthin gingen deshalb auch die gespendeten Gelder der letzen Sponsorenläufe, die unter dem Motto „Kinder laufen für Kinder“ veranstaltet wurden.
Die Erfinderin dieser Wohltätigkeitsveranstaltung, Frau Jacobs, erklärt die Idee näher. Aufgabe der Schüler ist es, sich zuerst Geldgeber, die so genannten Sponsoren, zu suchen, die für jeden gelaufenen Kilometer einen bestimmten Betrag spenden. Schließlich heißt es beim Sponsorenlauf selbst, so viele Kilometer wie möglich innerhalb einer bestimmten Zeit zu laufen und so Geld zu sammeln. Anschließend wird das erlaufene Geld an die SOS-Kinderdörfer übergeben. Ein stolzer Lehrer einer Hauptschule erklärt, dass dieses Projekt eine Eigendynamik entwickelt habe, die gar nicht mehr zu bremsen gewesen sei. Das Projekt habe bei ihnen wie eine Bombe eingeschlagen und schließlich hätten sie über 100 000€ spenden können. Auch die Zeitungen loben das Projekt jedes Jahr und berichten von Kindern auf Rekordjagd. Man merkt, wie sich die zuhörenden Lehrer, noch Neulinge bei diesem Projekt, vorstellen, wie ihre eigenen Schüler mit nicht mehr zu bändigem Engagement Runden auf dem Sportplatz drehen. Aufgeregtes Gemurmel geht durch die Gruppe.
Da es sich um eine bundesweite Schulaktion handelt, wird auch eng mit dem Kultusministerium zusammengearbeitet. So wird nicht nur der Lauf selbst zu einem Erlebnis, sondern die Kinder werden mit speziell dazu angefertigtem Unterrichtsmaterial vorbereitet. So enthält das Material - darunter Anleitungen für sportlichen Ausgleich im Klassenzimmer oder Arbeitsmaterial zur richtigen Ernährung. Eventmanagerin Charlotte Regner stellt den Lehrern den Ablauf des Projekts vor und verweist auf das Serviceportal im Internet, das nicht nur Erleichterungen beim Abrechnen der Spenden bringt, sondern auch zusätzliches Material wie Urkunden für jeden Läufer enthält. Dadurch sollen die Schulen möglichst weitgehend unterstützt werden, sodass der Lauf ein voller Erfolg wird.
Bei der anschließenden Diskussionsrunde genießt das Publikum bei regem Austausch süße Häppchen und Kaffee. Man hört, wie sich die Lehrer untereinander ermuntern, ein solches Projekt in Angriff zu nehmen. „Wir mussten viele Hindernisse meistern, aber letztendlich wurde es eine sehr bereichernde Veranstaltung für unsere Schüler und Lehrer. Wir sind zusammen gewachsen und haben gelernt, was Teamgeist für eine gute Sache ist“, spricht eine Lehrerin. Und tatsächlich schwärmen viele von dem gestärkten Selbstbewusstsein aller Teilnehmer und die Freude, etwas Gutes getan zu haben; sowohl für sich und seinen Körper als auch für die bedürftigen Kinder der SOS-Kinderdörfer. Gestärkt von der Kaffeepause lauschen die Lehrer nun dem Vortrag über die SOS-Kinderdörfer von Bernd Dorn und Carolin Poeplau.
Seit der Gründung des ersten Kinderdorfes 1949 nimmt sich die Organisation die Betreuung von Waisenkindern oder traumatisierten Kindern weltweit als Ziel. Mittlerweile gibt es in 132 Ländern Einrichtungen der SOS-Kinderdörfer, in denen über 1,3 Millionen Menschen betreut werden. Dabei wird darauf geachtet, dass den Kindern eine Ersatzfamilie gegeben wird, in denen sie mit einer ausgebildeten SOS-Kinderdorfmutter und fünf bis zehn anderen Kindern in einem Haus zusammen wohnen. Die beiden Vortragenden gehen auch auf die Transparenz der Organisation ein und versichern, dass die Spenden auch tatsächlich bei den Bedürftigen ankommen. So ist die SOS-Kinderdörfer – Organisation sogar mit dem dzi-Spendenspiegel ausgezeichnet, der jährlich überprüft, zu welchen Teilen die Spenden wirklich für die angegebenen Zwecke verwendet werden. Sehr bewegend schildert Bernd Dorn, Beauftragter der SOS-Kinderdörfer weltweit, seine Erlebnisse in einem Kinderdorf in Afrika und beendet seinen Vortrag mit einem Zitat und dem Motto des Gründers der SOS-Kinderdörfer Hermann Gmeiner: „Gutes tun ist leicht, wenn viele helfen!“. Gerührt und voller neuem Tatendrang versichern viele Lehrer, dass sie sich gleich an die Planung des Sponsorenlaufs an ihrer Schule machen werden. Von Dankesworten begleitet gehen die Zuhörer schließlich, doch sieht es nicht nach dem Ende einer Veranstaltung aus, sondern vielmehr nach dem Beginn von etwas Großartigem, den kommenden „Kinder laufen für Kinder“-Sponsorenläufen in ganz Deutschland.
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