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Reportage

Q11-ler gehen auf die Straße

Q11-ler gehen auf die Straße

von Isabell Sp., Jahrgang 1992, am 24.02.2010


„Das kriegen wir hin, das wäre doch gelacht. Ich zähl bis Zehn, und dann will ich euch springen sehen“, schallt es aus den Lautsprechern. 2500 junge Menschen springen auf und ab. Nein, dies ist kein Rockfestival in der Münchner Innenstadt, dies ist eine Demonstration der Q11. Farin Urlaub würde uns gern bei zehn springen sehen. Fakt ist, Bildungspolitiker in Bayern würden ihre Gymnasiasten schon gerne bei acht springen sehen.

Über den Songauswahl auf der Demo macht sich zu diesem Moment kein Schüler viele Gedanken. Die Schüler, Eltern und Lehrer demonstrieren für eine Verbesserung der Verhältnisse in der neuen Oberstufe Q11.
Die gute Stimmung trügt. Zum Lachen ist den Schülern der neuen Oberstufe in letzter Zeit selten. Meist fehlt ihnen auch die Zeit dazu. „Anfangs hat sich alles noch ganz gut angehört. Dass wir ein Jahr weniger Schule haben, fanden wir cool. Damals beneideten uns auch noch die Großen“, sagt Maria aus München. Als die damaligen Sechstklässler erfuhren, dass sie der erste G8–Jahrgang in Bayern werden sollten, machte sich noch keiner Sorgen. Dass man anderen Unterricht hatte als die G9-Jahrgänge schien anfangs nicht wirklich als ein Problem. Den angekündigten Nachmittagsunterricht ab der 7. Klassen nahmen die meisten als selbstverständlich wahr. Darüber beklagte sich noch niemand, obwohl viele der G9-ler erst ab der 10-ten Klasse Nachmittagsunterricht hatten. Und auch in den folgenden Jahren waren nicht viele Unterschiede zu erkennen, bis auf die frühere Einführung der dritten Fremdsprache bzw. Naturwissenschaft und die Umbennenung des Faches Biologie in Natur und Technik.
„Als wir dann Anfang der Zehnten unsere Kurse belegen sollten, waren einige überrascht über die Anforderungen der neuen G8-Oberstufe. Nett, aber bestimmt wurde uns erklärt, dass 132 Stunden in den 4 Halbjahren die Mindesteinbringungszahl sei. Das „freie Wählen der Fächer" stellte sich schnell als nicht ganz so frei heraus und auch die fünf Abiturfächer stießen nicht auf Begeisterung." Als es soweit war und im September 2009 die Versuchskaninchen ihre neue Oberstufe antraten, wussten weder Lehrer, Eltern noch Schüler wie sich das Konzept entwickeln wird. Wenige Monate später war es klar.

Die neue Oberstufe setzt weiter auf Allgemeinbildung, auf Vertiefungen in Fächern wird verzichtet. Somit gibt es weder Leistungs- noch Grundkurse. Doch wo liegt das Niveau der Kurse nun? Grundkurs-, Leistungskursniveau oder doch irgendwo dazwischen?! „ Es gibt viele Schüler, die sich wirklich für den Kursinhalt interessieren, aber durch den Zeitmangel ist es nicht möglich, auf einzelne Stoffgebiete näher einzugehen. Wir müssen den Stoff im Schnelldurchlauf behandeln“, sagt eine Lehrerin. Durch die fehlende Spezialisierung und dem Schwerpunkt auf das Allgemeinwissen haben viele Schüler das Gefühl, mit Informationen überschüttet zu werden. Der gewünschte Erfolg, zumindest das, was sich Politiker vorgestellt haben, bleibt aus. "Stures Auswendiglernen und das Vergessen des Gelernten steht auf der Tagesordnung. Sorgfältiges exzerpieren und lernen, dafür fehlt die Zeit und Energie nach einem zehnstündigen Schultag."

Das sind nur einige wenige Gründe, warum sich so viele Schüler aus verschieden bayrischen Städten an diesem Freitag vor den Ferien am Vormittag in München versammeln. Manche haben einen weiten Weg hinter sich, sie kommen aus Nürnberg, Deggendorf und Augsburg, doch auch Münchner Schulen sind zahlreich vertreten. Einige Schüler riskieren sogar Verweise und ein späteres Erhalten ihres Zeugnisses.
Die Demo beginnt mit Kundgebungen der Organisatoren, Schüler toben, manche rufen wütend dazwischen. Viele Demonstranten haben Plakate dabei, auf denen Slogans wie „Gute N8 Freunde“,„ Quantität statt Qualität“ oder „VersuchsQaninchen“ zu lesen ist.

Der Demonstrationszug beginnt seinen Zug auf der Leopoldstraße, tapfer stapfen die 11.Elftklässler trotz Kälte und Schnee durch die Stadt und stimmen in den Sprechgesang „Hey, scheiß G8, wir lernen die ganze Nacht“ ein. „Wir denken nicht, dass wir mit der heutigen Demonstration viel ändern können, wir möchten einfach ein Zeichen setzten, und der restlichen Bevölkerung zeigen, dass hier etwas falsch läuft in der Bildungspolitik“, sagt Stefanie R aus Nürnberg.

Nach dem Marsch durch München finden sich die Schüler wieder am Odeonsplatz ein, wo der bayerische Kultusminister Ludwig Spaenle erwartet wird. Auf ein nettes Willkommen braucht er sich nicht einstellen. Mit Buh-Rufen wird er empfangen und seine spärliche Rede von rund 5 Minuten wird dann auch von einer Tomate beendet, die ihn an der Schulter trifft. Daraufhin sagt er die Diskussion ab. „ Es ist sehr enttäuschend, dass Herr Spaenle nicht konkreter geworden ist. Er meinte nur, dass er Verständnis hätte und uns unterstützt. So hatte ich mir seine Rede nicht vorgestellt`, sagt Thomas aus München. Er hofft, dass sich trotzdem bald etwas ändert. "Die Demonstration war eine gute Initiative."

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