Reportage
Alles anders: Ein Tag an der Highschool
von Dora Bocsak, Jahrgang 1993, am 10.03.2010
7.45 Uhr, Washington State, Bellingham High School. 25 deutsche Schüler stehen inmitten von hunderten Freshmen, Sophomores, Juniors und Seniors und unterziehen sich mit großer Verwunderung dem Begrüßungsszenario nach den Sommerferien. Hier ein Kreischen, da ein Rufen, alle rennen durcheinander um ihre neuen Stundenpläne abzuholen. „Today is C-Day“, sagt Amelia, eine der amerikanischen Austauschpartnerinnen. Bevor es den Deutschen gelingt, eine Erklärung für C-Day zu bekommen, ertönt ein ohrenbetäubendes Signal. Es erinnert an einen Feueralarm, nicht an einen Schulgong. Doch alle Freshman, Sophomores und die Älteren verschwinden. Wer bleibt, sieht etwas sprachlos aus. Die Austauschschüler. Sie stehen noch da, gucken auf den Stundenplan. Hier heißt er „Masterplan“.
Masterplan - das ist der Plan auf dem alle verschiedenen Kursangebote aufgelistet sind. „Leadership, Wellness, Ceramics, AP Calculus, Life Skills oder Surviving on your own? Wohin sollen wir gehen?”, fragt Julia ihre Freunde. Keiner antwortet, zu neu ist der Eindruck der rot-weißen Schriftzüge, der rot-weißen Säulen, die rot-weißen Tische der Mensa und die vorbeieilenden Schülern mit rot-weißen Schul-T-Shirts. „Keine Ahnung was für Fächer das überhaupt sind, teilen wir uns einfach auf“, schlägt dann einer der Gastschüler vor.
In amerikanischen High Schools gibt es keine Klassenverbände, sondern Kurse. Ein Freshman, ein Neuntklässler, kann mit einem Junior, einem Elftklässler, den gleichen Unterricht besuchen. Jeder Schüler der Bellingham High School muss sechs verschiedene Kurse belegen. Pflichtbereiche sind Englisch, zum Beispiel creative writing oder literature, Mathematik, wie geometry oder algebra, und als drittes Hauptfach, Geschichte, also world history und US history. Die übrigen Fächer kann man beliebig nach seinen eigenen Interessen und Kompetenzen aus den Bereichen Wissenschaft, Musik, Kunst, Sprache oder Sport wählen.
Julia folgt ihrer Austauschpartnerin zu AP Calculus. Schon nach fünf Minuten wird ihr klar, dass dieses Fach nichts damit zu tun hat, wie man sich amerikanischen Unterricht in Deutschland vorstellt. Hier wird gefordert, der Unterrricht ist weitaus anspruchsvoller als manch ein deutscher Mathematikunterricht, so Julias Eindruck. Der Lehrer stößt die Tür auf und lässt sie wieder zufallen. Die Schüler sollen nun hierzu einen Graphen zeichnen. Nein, die Gesichter der amerikanischen Partner sind keineswegs überrascht oder wirken überfordert, anscheinend ist das keine Herausforderung für die amerikanischen Schüler. Die Klasse stellt Funktionen auf und zeichnet einen Graphen nach dem anderen. Für das deutsche Mädchen stellen sie verschiedene Schlangenlinien und Zahlen dar, nicht mehr.
Julia lässt ihren Blick durch die Reihen der Einzeltische im Klassenzimmer schweifen. Vorne neben der Tafel hängt die amerikanische Flagge. 13 Streifen und 50 Sterne. In der Ecke des Raumes hängt ein Fernseher. „Tomorrow is A-Day“, ist die erste Zeile, die sie liest. Als nächstes kommt eine Liste mit den Terminen für die Auswahltrainings der verschiedenen Sportmannschaften. Fußball, Basketball, Volleyball, Baseball, Cheerleading, Schwimmen, American Football, Wrestling, Lacrosse, Tennis, ja, sogar Tauchen wird angeboten. Hier müssen die Jugendlichen nicht erst einem Sportverein beitreten um einen Sport ausüben zu können, wird Julia bewusst. Alle Freizeitmöglichkeiten, die in Deutschland fast ausnahmslos außerhalb der Schule angeboten werden, kann man hier gleich vor Ort in der Schule machen.
Nach dem Unterricht erklärt Amelia, dass „AP“ für Advanced Program steht und College-Niveau hat, um die Schüler auf ihre Zukunft in den Universitäten vorzubereiten. Wenn man später bei einer renomierten Universität aufgenommen werden will, müsse man soviele AP-Kurse wie möglich belegen, da sie Zusatzpunkte bringen. Man muss sich schon früh überlegen was man später werden möchte, damit man bereits in der High School die notwendigen Kurse besuchen kann. "Klar, man kann auch sowas wählen wie zum Beispiel Yearbook oder so, aber dann darf man nicht erwarten an einer guten Uni einen Platz zu bekommen oder gar ein Stipendium zu erhalten.“
Zwei Unterrichtsstunden später ist Lunch Break. Schon von weitem kann man erraten was die Mensa zum Essen anbietet. Es werden schon um elf Uhr vormittags die ersten Hamburger, die ersten Pizzen, die ersten Pommes gegessen und die mit Sorgfalt angelegten Obstkörbe und Salatteller links liegen gelassen. Man kommt sich vor wie in „High School Musical“. Das Einzige, was für das perfekte Bild fehlt, sind Schüler, die singend und tanzend auf den Tischen stehen.
Mittlerweile hat sich herumgesprochen, dass die deutschen Austauschpartner zu Besuch sind. Die Schüler werden zum Pausen-Kuriosum. Die Amerikaner reden von „German Beer“, „Amazing cars“, „pretty girls“, einer fragt „What, Germany is a country?“. Interessant für die Besucher ist auch, dass die amerikanischen Schüler fasziniert von den Hightech-Handys der Deutschen sind. Bislang hatten sie eigentlich geglaubt, dass ihre Handys aus den USA kommen würden.
Die nächste "period". Es gibt period eins bis sechs. Jede davon bezeichnet einen der sechs gewählten Kurse. Die Woche beginnt mit C-Day. An diesem Tag hat man alle Kurse. An B-Days dann nur period zwei, vier und sechs in Doppelstunden, period eins, drei und fünf hat man an A-Days. Als letzten Kurs besucht Julia mit ihren Freunden den Deutschkurs. Obwohl die Amerikaner schon seit drei Jahren diesen Kurs besuchen, können sie sich kaum auf Deutsch verständigen. Sie merken gleich, dass die Deutschen fast fließend Englisch sprechen, lassen ihre Bemühungen gleich bleiben und unterhalten sich in ihrer Muttersprache mit den Austauschpartnern. Die Deutschlehrerin versucht durch Kennenlernspiele die Sprechängste der amerikanischen Schüler zu überwinden. Zum Schluss singen die Schüler ein Lied, das sie bereits im Unterricht gelernt haben. „Ich bin cool, bist du cool? Ja, logo, ja.“, lautet die erste Zeile des Liedes. Die Austauschschüler hoffen, dass sie nicht denken, dass man solche Lieder wirklich in Deutschland singt.
Die Deutschen zucken wieder zusammen, als der Feueralarm-Schulgong klingelt. Die Austauschgruppe versammelt sich wieder dort, wo sie sich am Morgen getrennt haben. Jetzt bewundern sie das Abschiedsszenario der High School Schüler. Die Verwirrung der Gäste ist keineswegs weniger geworden seit der Begrüßung am Morgen. „Genug Kulturschock für heute“, sagt Julia und kauft sich bei der Mensa eine „pretzel“. Zwar keine richtige Breze, aber immerhin ein kleines Stück Heimat in der riesigen High School Welt.
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